|
|
Welche Bilder und welche Geschichten erwarten
uns im nächsten Jahrtausend? Das Kino hat schon immer aus dem Vorrat seiner
künstlerischen Vorfahren geschöpft: der Kunst, dem Theater und der Literatur.
Speziell seine eigenen Mythen hat der Film zunehmend zum Thema gemacht:
Formen und Motive der Kino-Eltern wurden mit neuem Leben erfüllt und in
aktuellen Zusammenhängen erprobt. Gerade heute scheinen solche »Renaissancen«,
dieser »zweite Atem«, ein mehr als brauchbarer Weg ins zweite Jahrhundert
des Kinos zu sein.
Die Freiburger Universitätsblätter schreiben über die Reihe: »Die Referenten
lassen neue, ungewohnte Sichtweisen jenseits gängiger Kinorezensionen
erwarten. Sie enttäuschen den Leser nicht - nach der Lektüre der Texte
werden sowohl Kenner der Filme als auch neugierige Novizen beim Wieder- oder
Erstbetrachten ästhetische und substantielle Dimensionen wahrnehmen, die
ihnen bislang verborgen geblieben waren.« Thomas Elsaesser (Universität
Amsterdam) zeichnet in einer scharfsinnigen Analyse von LOLA (BRD 1981) die
Spuren nach, die Rainer Werner Fassbinder im amerikanischen und deutschen
Melodrama gesucht hat, um mit diesem Vorrat an Emotion und Form seine Vision
eines deutschen Hollywoodfilms zu verwirklichen.
Edgar Reitz hat mit seinen Werken HEIMAT und DIE ZWEITE HEIMAT
Filmgeschichte gemacht. Am Ende des Jahrtausends stellt er sich den
Herausforderungen des Kinos im digitalen Zeitalter. Für den Kinofilm ergeben
sich ungeahnte Perspektiven, sei es im Bereich des Filmverleihs, in der
gesellschaftlichen Rolle, die das Kino angesichts des »multimedialen
Schlachtfeldes« Wohnzimmer spielen wird, vor allem aber in den neuen
erzählerischen Möglichkeiten der Vernetzung und Interaktion. Florian Rötzer
vom Medienlabor München ist Reitz’ Gesprächspartner.
Jean-François Lyotard gehört zu den profiliertesten Denkern Frankreichs.
Sein Vortrag »Idee eines souveränen Films« beschreibt Momente, in denen die
Zeit eines Films stillzustehen scheint und Film-Bilder aus dem Fluß des
Films wie Gemälde herausragen. Daß sich solche Momente auch in einem
Genre-Film wie THE NIGHT OF THE HUNTER (USA 1955, Regie: Charles Laughton)
finden, läßt Lyotard auf die unendliche, kreative Potenz des Kinos hoffen.
|